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Was ist die DIN EN 1335?

von Rutger Uittenbogaard · 7 Min. Lesezeit · aktualisiert 2. September 2026

Was ist die DIN EN 1335?

Wer in Deutschland einen Bürostuhl kauft, begegnet früher oder später einer Abkürzung: DIN EN 1335. Sie steht in Produktbeschreibungen, taucht in Arbeitsstättenvorschriften auf und wird von Herstellern gerne zitiert. Aber was steckt wirklich dahinter? Die DIN EN 1335 ist die europäische Norm für Büroarbeitsstühle, in Deutschland durch das Deutsche Institut für Normung eingeführt. Sie legt fest, welche Maße und Einstellbereiche ein Bürostuhl haben muss, damit er für die überwiegende Mehrheit der Nutzer ergonomisch geeignet ist. In diesem Artikel der Wissensdatenbank erklären wir, was die Norm genau verlangt, wo ihre Grenzen liegen und welche Stühle sie in der Praxis tatsächlich erfüllen.

Die Norm für Bürostühle erklärt

DIN EN 1335 besteht aus drei Teilen, die jeweils einen anderen Aspekt des Bürostuhls regeln. Teil 1 definiert die maßlichen Mindestanforderungen: Sitzhöhe, Sitztiefe, Sitzbreite, Rückenlehne und Armlehnen. Teil 2 regelt Sicherheitsanforderungen, also Tragfähigkeit, Standsicherheit und Haltbarkeit unter Belastung. Teil 3 beschreibt die Prüfmethoden, nach denen Hersteller und Prüfinstitute die Einhaltung der Norm verifizieren.

Die Norm ist keine gesetzliche Pflicht. Ein Hersteller ist nicht verpflichtet, seinen Stuhl nach DIN EN 1335 zertifizieren zu lassen, und ein Arbeitgeber muss nicht ausschließlich normkonforme Stühle anschaffen. Was die Norm ist: der anerkannte Mindeststandard, den Berufsgenossenschaften und die zuständigen Behörden bei Prüfungen und im Streitfall heranziehen. Das Arbeitsschutzgesetz in Verbindung mit der Arbeitsstättenverordnung verpflichtet Arbeitgeber, Arbeitsplätze nach ergonomischen Grundsätzen einzurichten. Die DIN EN 1335 ist die praktische Ausarbeitung dieser Verpflichtung für Bürostühle.

Was fordert die DIN EN 1335 konkret?

Die wesentlichen Maßvorgaben aus Teil 1 der Norm sind die folgenden. Die Sitzhöhe muss zwischen 420 und 510 Millimetern einstellbar sein, mit einem Mindestverstellbereich von 90 Millimetern. Die Sitztiefe muss zwischen 380 und 480 Millimetern einstellbar sein, mit einem Mindestverstellbereich von mindestens 50 Millimetern. Die Sitzbreite beträgt mindestens 400 Millimeter. Die Rückenlehne muss mindestens 360 Millimeter hoch sein. Armlehnen müssen, wenn vorhanden, in der Höhe verstellbar sein.

Wichtig zu verstehen: Das sind Maßnormen, keine Komfortnormen. Die DIN EN 1335 sagt nichts darüber aus, wie lange der Schaumstoff seine Elastizität behält, wie leise der Mechanismus ist oder wie gut das Netz ventiliert. Ein Stuhl, der die Norm erfüllt, hat den richtigen Verstellbereich, aber ob er nach acht Stunden noch angenehm sitzt, misst die Norm nicht.

GS-Zeichen und AGR: die Prüfzeichen in der Praxis

In Deutschland ist das GS-Zeichen („Geprüfte Sicherheit“) die häufigste unabhängige Bestätigung, dass ein Bürostuhl die Anforderungen der DIN EN 1335 erfüllt. Es wird von akkreditierten Prüfinstituten wie TÜV SÜD, TÜV Rheinland oder LGA vergeben, nachdem der Stuhl auf Maße, Standsicherheit und Tragfähigkeit getestet wurde. Ein Stuhl mit GS-Zeichen hat diese Prüfung bestanden und wird von einem unabhängigen Institut überwacht. Ein Stuhl ohne GS-Zeichen und ohne anderweitige Normzertifizierung bietet keine unabhängige Bestätigung seiner Konformität.

DIN EN 1335 mid artikel

Über das GS-Zeichen hinaus gibt es das AGR-Prüfzeichen der Aktion Gesunder Rücken e.V. Das AGR-Siegel wird nicht von Technikern, sondern von einem unabhängigen Gremium aus Ärzten, Physiotherapeuten und Ergonomen vergeben. Es prüft nicht nur, ob ein Stuhl die Mindestmaße erfüllt, sondern ob er nachweislich die Wirbelsäule entlastet und Rückenschmerzen aktiv vorbeugt. Ein Stuhl mit AGR-Prüfzeichen ist eine explizite medizinische Empfehlung, nicht nur eine technische Konformitätsaussage.

Was ist der Unterschied zur niederländischen NPR 1813?

Die DIN EN 1335 ist die Grundlage, auf der die niederländische NPR 1813 aufbaut. Die NPR 1813 ist eine nationale Ergänzung der Europäischen Norm, die für die niederländische Bevölkerung entwickelt wurde, die im europäischen Vergleich überdurchschnittlich groß ist. Die NPR 1813 verlangt unter anderem eine maximale Sitzhöhe von 550 Millimetern statt 510 Millimetern und einen größeren Verstellbereich bei Sitztiefe und Armlehnen. Für den deutschsprachigen Markt ist die DIN EN 1335 die maßgebliche Norm, ergänzt durch das GS-Zeichen als praktisches Qualitätsmerkmal.

Welche Stühle erfüllen die DIN EN 1335 in der Praxis?

Nicht jeder Stuhl, der sich selbst als ergonomisch bezeichnet, erfüllt die Anforderungen der DIN EN 1335. Im Folgenden stellen wir drei Modelle vor, die die Norm nachweislich erfüllen und in unseren Tests überzeugt haben.

Interstuhl Every

Der Interstuhl Every ist einer der meistzitierten DIN EN 1335-konformen Stühle im deutschsprachigen Markt. Die Sitzhöhe reicht von 410 bis 550 Millimetern, die Sitztiefe ist verstellbar, und die Rückenlehne des EV217-Modells misst 685 Millimeter, weit über dem Mindestmaß von 360 Millimetern. Der Stuhl wird mit dem Blauen Engel-Umweltzeichen ausgezeichnet und hat eine zehnjährige Herstellergarantie. Interstuhl produziert in Baden-Württemberg und steht für qualitätsbewussten deutschen Bürostuhlbau.

Every

Interstuhl Every

Die beste Wahl, wenn du automatische Gewichtsanpassung ohne Premiumpreis willst.

Vorteile
Automatische Gewichtsanpassung
Zehn Jahre Garantie
Nachteile
Max. 120 kg Belastbarkeit
Fußkreuz aus Kunststoff
85/100
Ergonomie88
Verarbeitung84
Preis-Leistung84
Garantie84
ab € 569

Steelcase Leap V2

Der Steelcase Leap V2 erfüllt die Anforderungen der DIN EN 1335 und geht in der Einstellbarkeit weit darüber hinaus. Der LiveBack-Mechanismus passt die Rückenlehne dynamisch an die Bewegungen der Wirbelsäule an, und die Sitzkante lässt sich getrennt von der Sitztiefe einstellen. Der Leap V2 ist einer der bestgetesteten Bürostühle weltweit und wird seit Jahren in anspruchsvollen Arbeitsumgebungen eingesetzt.

Leap v2

Steelcase Leap v2

Die beste Wahl, wenn du in echte Ergonomie investieren willst.

Vorteile
LiveBack-Technologie folgt der Wirbelsäule zonenweise
Natural Glide für eine aktive, vorwärtsgerichtete Arbeitshaltung
Nachteile
Keine Netzsitzfläche, kann wärmer wirken
Keine Kopfstütze verfügbar
89/100
Ergonomie96
Verarbeitung88
Preis-Leistung84
Garantie88
ab € 1.179

Herman Miller Aeron

Der Herman Miller Aeron ist in drei Größen erhältlich, was ihn zu einem der wenigen Stühle macht, die auch für Menschen über 1,90 Meter vollständig maßgerecht eingestellt werden können. Er erfüllt die DIN EN 1335 in allen Varianten und bietet mit der PostureFit SL-Lordosenstütze eine Unterstützung, die weit über das hinausgeht, was die Norm verlangt.

Aeron

Herman Miller Aeron

Die beste Wahl, wenn du Rückenprobleme mit bewährter Ergonomie vermeiden willst.

Vorteile
PostureFit SL: aktive Steißbein- und Lendenunterstützung
In drei Größen erhältlich
Nachteile
Keine standardmäßige Kopfstütze
Sitzfläche ist nicht weich
94/100
Ergonomie96
Verarbeitung100
Preis-Leistung84
Garantie96
ab € 1.099

Ist eine DIN EN 1335-Zertifizierung eine Qualitätsgarantie?

Nein. Das ist das häufigste Missverständnis rund um diese Norm. Die DIN EN 1335 prüft ausschließlich Maße, Sicherheit und Standfestigkeit. Ein Stuhl kann alle Anforderungen erfüllen und trotzdem aus Schaumstoff bestehen, der nach einem Jahr nachgibt, oder einen Mechanismus haben, der nach zwei Jahren zu knarren beginnt.

Balansstoelen und Sattelsitze erfüllen die DIN EN 1335 strukturell nicht, weil sie keine Rückenlehne haben. Dennoch sind sie für bestimmte Nutzer ergonomisch die bessere Wahl als ein normkonformer Standardstuhl. Die Norm ist ein sinnvoller Filter beim Kauf, aber kein Alleinkriterium. Nutze sie als Ausgangspunkt bei der Suche nach einem ergonomischen Bürostuhl, nicht als alleiniges Urteil.

DIN EN 1335 und der Homeoffice-Arbeitsplatz

Seit der Überarbeitung der Arbeitsstättenverordnung gilt für Homeoffice-Arbeitsplätze prinzipiell dieselbe Schutzpflicht des Arbeitgebers wie für Büroarbeitsplätze. In der Praxis bedeutet das: Ein Arbeitgeber, der Mitarbeitern strukturell Heimarbeit ermöglicht, hat die Pflicht, eine ergonomisch geeignete Ausstattung zur Verfügung zu stellen oder deren Beschaffung finanziell zu unterstützen. Ein DIN EN 1335-konformer Stuhl ist im Streitfall das stärkste Argument, dass dieser Pflicht nachgekommen wurde.

Für Arbeitnehmer, die selbst einen Stuhl anschaffen und die Kosten über die Homeoffice-Pauschale oder als Werbungskosten steuerlich absetzen möchten, ist ein GS-zertifizierter Stuhl nach DIN EN 1335 eine sinnvolle Absicherung. Lass dich im Zweifelsfall von einem Steuerberater informieren, da die genauen Bedingungen von deiner persönlichen Situation abhängen.

Die Grenze der Norm: was die DIN EN 1335 nicht löst

Die DIN EN 1335 ist auf eine Nutzergruppe von 1,51 bis 1,92 Meter ausgelegt. Die maximale Sitzhöhe von 510 Millimetern reicht für Menschen über 1,90 Meter oft nicht aus. Wer größer ist und täglich acht Stunden sitzt, stößt an die Grenzen der Norm. Ein DIN EN 1335-konformer Stuhl ist für diese Nutzergruppe besser als ein unkontrolliertes Produkt ohne Zertifizierung, aber noch nicht vollständig auf ihren Körper abgestimmt. Unsere Seite über Bürostühle für große Menschen geht auf diese spezifische Situation ausführlicher ein.

Das ist die fundamentale Einschränkung jeder Maßnorm: Sie ist für die Mehrheit konzipiert, nicht für jeden. Die DIN EN 1335 ist ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, aber kein Endpunkt. Menschen mit einer ungewöhnlichen Körpergröße oder einem ungewöhnlichen Körperbau tun gut daran, die Spezifikationen jedes Stuhls separat zu beurteilen, anstatt sich allein auf das Prüfzeichen zu verlassen.

Rutger Uittenbogaard
Rutger Uittenbogaard
Gründer und Chefredakteur

Rutger gründete Buroreview.eu aus persönlicher Frustration. Als Niederländer und Homeoffice-Nutzer von 1,95 Meter merkte er schnell, dass die meisten Bürostühle nicht für ihn konzipiert sind und dass ehrliche, unabhängige Beratung im deutschsprachigen Raum kaum zu finden ist.

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